„Hausaufgaben werden jeden Tag zum Kampf“

Wenn Lernen nicht nur im Kopf stattfindet

Vielleicht kennen Sie diese Situation, liebe Mama, lieber Papa:

Ihr Kind kommt aus der Schule nach Hause, isst vielleicht noch eine Kleinigkeit und dann liegen sie wieder auf dem Tisch – die Hausaufgaben.

Eigentlich sieht die Aufgabe gar nicht so schwierig aus. Ein paar Rechenaufgaben, eine Seite lesen, ein paar Sätze schreiben.

Und trotzdem dauert es nicht lange, bis Ihr Kind auf dem Stuhl hin und her rutscht, den Stift fallen lässt oder plötzlich dringend etwas anderes machen muss. Vielleicht beklagt es sich über müde Hände, liegt irgendwann fast auf dem Tisch oder reagiert schon auf eine ganz einfache Hilfestellung gereizt.

Und Sie sitzen daneben und fragen sich:

„Er weiß es doch eigentlich. Warum ist es trotzdem jeden Tag so unglaublich schwer?“

Vielleicht haben Sie sich auch schon gefragt, ob Ihrem Kind einfach die Motivation fehlt. Ob es sich nicht genug anstrengt. Oder ob Sie bei den Hausaufgaben konsequenter sein müssten.

Dabei lohnt es sich, einmal einen anderen Blick auf diese Situationen zu werfen.

Lernen ist mehr als Denken

Wenn wir an Lernen denken, denken wir meistens an das Gehirn: verstehen, merken, rechnen, lesen, schreiben.

Doch damit ein Kind diese Leistungen überhaupt erbringen kann, muss auch sein Körper eine ganze Menge leisten. Es muss seinen Körper im Raum organisieren, eine passende Sitzhaltung finden, den Blick auf dem Arbeitsblatt halten, den Stift führen und gleichzeitig die eigentliche Aufgabe verarbeiten.

Das klingt für uns selbstverständlich. Für ein Kind, bei dem diese Abläufe noch nicht sicher und automatisiert sind, kann es jedoch erstaunlich anstrengend sein.

Sitzhaltung und Körperspannung:
Damit ein Kind über längere Zeit am Tisch sitzen kann, braucht es eine ausreichende Körperspannung und eine gute Haltungskontrolle. Wenn das Sitzen viel Kraft kostet, bleibt weniger Energie für die eigentliche Aufgabe.

Feinmotorik und Schreiben:
Einen Stift zu halten und kontrolliert über das Papier zu führen, ist eine komplexe Leistung. Ein ungünstiger Stiftdruck, eine verkrampfte Hand oder eine noch nicht ausgereifte Hand-Finger-Koordination können dazu führen, dass Schreiben schnell ermüdet.

Auge und Hand müssen zusammenarbeiten:
Beim Schreiben, Lesen und Abschreiben müssen visuelle Informationen aufgenommen und unmittelbar in eine passende Bewegung umgesetzt werden. Auch diese Zusammenarbeit muss sich entwickeln und immer sicherer werden.

Bewegung und Aufmerksamkeit:
Und dann ist da noch der Bewegungsdrang. Nach mehreren Stunden Schule ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Kind kaum noch ruhig am Tisch sitzen möchte. Bewegung kann für manche Kinder eine Möglichkeit sein, ihren Körper zu regulieren und ihre Aufmerksamkeit wieder zu sammeln.

Wenn der Körper beim Lernen mitarbeiten muss

Vielleicht kennen Sie das: Ihr Kind versteht die Aufgabe eigentlich. Es weiß, was zu tun ist. Trotzdem wird aus einer kleinen Hausaufgabe eine halbe Stunde voller Diskussionen, Frust und Tränen.

Dann kämpft Ihr Kind möglicherweise nicht nur mit der Aufgabe selbst. Es muss gleichzeitig viel Energie dafür aufbringen, seinen eigenen Körper und seine Aufmerksamkeit zu organisieren.

Das kann anstrengend sein.

Und wenn dann noch ein langer Schultag hinter Ihrem Kind liegt, kann die Belastungsgrenze schnell erreicht sein.

Die daraus entstehende Wut oder Verweigerung bedeutet deshalb nicht automatisch, dass Ihr Kind nicht lernen möchte. Sie kann auch ein Zeichen dafür sein, dass gerade einfach nicht mehr genug Kapazität vorhanden ist.

Was Sie im Alltag ausprobieren können

Manchmal sind es schon kleine Veränderungen, die eine Hausaufgabensituation entspannen können.

Bewegung vor den Hausaufgaben:
Vielleicht tut Ihrem Kind eine kurze Bewegungsphase gut, bevor es sich an den Schreibtisch setzt. Rennen, Springen, Klettern oder einfach ein Spaziergang können helfen, nach dem Schultag erst einmal wieder im eigenen Körper anzukommen.

Den Arbeitsplatz anschauen:
Stehen die Füße Ihres Kindes stabil auf dem Boden? Ist die Tisch- und Sitzhöhe passend? Eine gute Ausgangsposition kann es dem Körper erleichtern, die nötige Stabilität aufzubauen.

Andere Körperpositionen zulassen:
Nicht jedes Kind arbeitet am besten kerzengerade auf einem Stuhl. Je nach Aufgabe kann es hilfreich sein, zeitweise im Stehen, auf dem Boden oder in einer anderen für das Kind angenehmen Position zu arbeiten.

Und vor allem: Beobachten Sie Ihr Kind.

Wann wird es schwierig? Was fällt ihm körperlich besonders schwer? Wann braucht es Bewegung? Wann wird aus Konzentration Erschöpfung?

Diese Beobachtungen können wichtige Hinweise geben.

Ein Blick auf die Voraussetzungen

Als Heilpraktikerin schaue ich in meiner Praxis deshalb nicht nur darauf, was ein Kind beim Lernen kann. Ich interessiere mich auch dafür, welche körperlichen und neurophysiologischen Voraussetzungen dahinterstehen.

Wie sicher kann es seinen Körper im Raum wahrnehmen? Wie gut kann es seine Körperspannung regulieren? Wie arbeiten beide Körperseiten zusammen? Wie funktionieren Gleichgewicht, Koordination und Auge-Hand-Zusammenspiel?

Denn manchmal lohnt es sich, nicht noch mehr am Lernen selbst zu arbeiten, sondern zunächst einen Schritt zurückzugehen und zu schauen, was das Lernen überhaupt möglich macht.

Wenn Hausaufgaben bei Ihrem Kind regelmäßig zu einem großen Kraftakt werden, müssen Sie das nicht einfach als mangelnde Motivation oder fehlende Disziplin hinnehmen. Es kann sich lohnen, genauer hinzuschauen und herauszufinden, was hinter der täglichen Anstrengung steckt.

Herzliche Grüße

Ihre Nina Cole

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„Nach der Schule ist mein Kind völlig außer sich“