Kann Entwicklung nachgeholt werden?
Warum es nie zu spät ist, Entwicklungsverzögerungen zu begleiten
Vielleicht sitzen Sie abends manchmal da und lassen die ersten Lebensjahre Ihres Kindes noch einmal Revue passieren. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Ihr Kind bestimmte Entwicklungsschritte ausgelassen hat, besonders viel geweint hat oder sich einfach anders entwickelt hat als andere Kinder.
Und vielleicht taucht dabei diese eine Frage auf:
„Haben wir etwas verpasst? Kann das überhaupt noch aufgeholt werden?"
Diese Sorge begegnet mir in meiner Praxis immer wieder. Deshalb möchte ich Ihnen gleich zu Beginn etwas sagen, das viele Eltern spürbar entlastet:
Ja. Entwicklung kann nachreifen.
Warum Entwicklung kein Zug ist, der einfach abfährt
In unserer Gesellschaft herrscht oft das Bild, dass Entwicklung wie eine starre Treppe verläuft: Wer eine Stufe überspringt, fällt zurück. Doch die Neurophysiologie zeigt uns ein ganz anderes Bild.
Das menschliche Gehirn besitzt die wunderbare Eigenschaft der Neuroplastizität. Deshalb ist Entwicklung kein Zug, den man einmal verpasst und der dann für immer abgefahren ist. Das bedeutet: Das Nervensystem kann bis ins hohe Alter neue Verknüpfungen aufbauen und Bewegungsmuster neu erlernen. Wenn ein Kind bestimmte frühkindliche Bewegungsmuster oder Entwicklungsreize ausgelassen hat, ist das kein endgültiges Schicksal, sondern schlicht eine noch offene Baustelle.
Wie das Nachholen von Entwicklung funktioniert
Entwicklung verläuft nach biologischen Gesetzmäßigkeiten. Wenn das Fundament wackelt, bringt es wenig, nur am „Dach“ zu arbeiten (z. B. reine Konzentration zu trainieren). Stattdessen gehen wir in der neurophysiologischen Entwicklungsförderung einen Schritt zurück:
Gezielte Bewegungsreize: Durch spezifische Bewegungen geben wir dem Gehirn die Reize nachträglich, die es in früheren Phasen nicht ausreichend verarbeiten konnte.
Nachreifung des Nervensystems: Das Nervensystem bekommt die Chance, frühkindliche Reflexe nachträglich zu integrieren und Basissinne nachzureifen.
Leichtigkeit statt Druck: Sobald das Fundament stabilisiert ist, fallen auch spätere Schritte (wie Stillstehen, Fokussieren oder Feinmotorik) plötzlich viel leichter.
Es ist nie zu spät. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Manchmal braucht das Nervensystem lediglich die passenden Impulse, um Entwicklungsschritte nachzuholen, die bislang noch nicht ausreichend aufgebaut werden konnten.