Warum „Zappelphilipp“ kein Charakterzug ist

Wenn frühe Entwicklung und Nervensystem den Alltag prägen

In den letzten Tagen habe ich viel über meine Arbeit nachgedacht – und darüber, wie ich sie für Eltern und Interessierte noch verständlicher machen kann.

Dieser Artikel soll einen Einblick geben, wie ich Kinder mit sogenannten Verhaltensauffälligkeiten oder Entwicklungsbesonderheiten aus meiner Perspektive betrachte.

Wenn Kinder im Alltag „aus der Reihe tanzen“

Wenn Kinder in Kita, Schule oder Alltag besonders unruhig wirken, sich schnell ablenken lassen, beim Lernen schwer zur Ruhe kommen oder emotional sehr intensiv reagieren, stellt sich im Alltag oft die Frage nach Verhalten, Erziehung oder Aufmerksamkeit.

In vielen Fällen lohnt sich jedoch auch ein Blick auf die körperliche und entwicklungsbezogene Grundlage des Kindes.

Der Blick auf die frühe Entwicklung

Die heutige Entwicklungsforschung und auch die praktische Arbeit mit Kindern zeigt, wie bedeutsam die frühe körperliche und neurologische Entwicklung für spätere Fähigkeiten ist.

Besonders die ersten Lebensjahre – beginnend bereits vor der Geburt und besonders intensiv im Säuglings- und Kleinkindalter – sind eine zentrale Phase für die sogenannte sensomotorische Entwicklung.

In dieser Zeit entwickelt sich das Zusammenspiel von Bewegung, Wahrnehmung, Gleichgewicht, Muskelspannung und erster Selbstregulation.

Diese Prozesse bilden eine wichtige Grundlage dafür, wie ein Kind später mit Aufmerksamkeit, Körperspannung und innerer Ruhe umgehen kann.

Wenn Entwicklung unter besonderer Belastung stand

Wenn diese frühen Entwicklungsprozesse durch verschiedene Faktoren herausfordernd waren oder das Nervensystem in dieser Zeit besonders gefordert war, kann es sein, dass ein Kind später mehr Energie im Alltag aufbringen muss, um sich zu regulieren.

In meiner Arbeit beobachte ich dabei häufig zwei Bereiche:

• Körperliche Spannungsmuster

Manche Kinder zeigen eine erhöhte Grundanspannung oder Schwierigkeiten in der Körperkoordination. Das kann sich auf Haltung, Bewegungsfluss und Konzentration auswirken.

• Frühkindliche Bewegungsmuster

Bestimmte frühkindliche Reflexe und Reaktionsmuster, die in der frühen Entwicklung eine wichtige Funktion haben, können bei manchen Kindern deutlicher aktiv bleiben. Sie können unbewusst Einfluss auf Bewegung, Gleichgewicht und Regulation nehmen.

Wie sich das im Alltag zeigen kann

Viele Kinder wirken dadurch im Alltag sehr aktiv, schnell ablenkbar oder innerlich unruhig.

Sie müssen sich oft stärker anstrengen, um ruhig sitzen zu bleiben, sich zu konzentrieren oder Bewegungen gezielt zu steuern.

Was von außen wie „Unruhe“ wirkt, kann sich für das Kind innerlich wie ein hoher körperlicher Aufwand anfühlen.

Ein entwicklungsorientierter Blick

Mir ist wichtig zu betonen:

Es geht nicht darum, Verhalten zu bewerten oder zu pathologisieren.

Sondern es geht mir darum, es im Zusammenhang zu verstehen.

In meiner Arbeit hat es sich bewährt, den gesamten Entwicklungsverlauf mitzudenken – also Körper, Wahrnehmung und Regulation als Einheit zu betrachten.

Das Nervensystem ist dabei grundsätzlich anpassungsfähig und lernfähig.

Durch gezielte, entwicklungsorientierte Impulse kann es Unterstützung bekommen, neue Muster zu entwickeln und mehr innere Stabilität zu gewinnen.

Abschließender Gedanke

Wenn wir Verhalten nicht nur als Schwierigkeit sehen, sondern als möglichen Ausdruck eines Entwicklungsweges, verändert sich oft der Blick auf das Kind.

Weg von Bewertung – hin zu Verständnis.

Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Arbeit.

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Mein Kind braucht ständig meine Nähe