Nichts.
„Ich habe gesagt, zieh bitte deine Schuhe aus.“ Ihr Kind spielt weiter.
„Wie oft soll ich das eigentlich noch sagen?!“
Vielleicht kennen Sie solche Situationen. Sie haben das Gefühl, Ihr Kind hört Ihnen einfach nicht zu. Sie wiederholen sich immer wieder, werden lauter und irgendwann liegen die Nerven blank. Und gleichzeitig fragen Sie sich vielleicht:
„Warum hört mein Kind einfach nicht?“
Natürlich gibt es Momente, in denen Kinder tatsächlich keine Lust haben, einer Aufforderung nachzukommen. Kinder testen Grenzen, sind vertieft in ihr Spiel oder möchten etwas anderes tun.
Schauen wir mal genauer hin. Denn zwischen Hören und Handeln passiert im Nervensystem erstaunlich viel.
Zuhören ist mehr als Hören
Damit eine Aufforderung umgesetzt werden kann, muss zunächst einmal der akustische Reiz aufgenommen werden. Das Kind muss hören, was gesagt wurde. Doch damit ist es noch lange nicht getan. Die Information muss im Gehirn verarbeitet und verstanden werden. Das Kind muss seine Aufmerksamkeit darauf richten, die Bedeutung erfassen und anschließend überlegen, was es tun soll. Dann kommt die Bewegungsplanung hinzu.
Bei einem einfachen Satz wie: „Zieh deine Schuhe aus“, kann also eine ganze Kette von Vorgängen beteiligt sein:
Hören.
Aufmerksamkeit ausrichten.
Verstehen.
Handlung planen.
Bewegung ausführen.
Und all das geschieht im Alltag scheinbar ganz selbstverständlich.
Wenn diese Schritte viel Kraft kosten
Für manche Kinder können einzelne dieser Verarbeitungsschritte schwieriger oder anstrengender sein. Vielleicht ist die Aufmerksamkeit schnell bei einem anderen Reiz. Vielleicht fällt es schwer, mehrere Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Vielleicht braucht das Kind länger, um eine Aufforderung in eine konkrete Handlung zu übersetzen. Oder die eigentliche Schwierigkeit liegt gar nicht beim Verstehen, sondern bei der Umsetzung.
Von außen sieht das dann schnell so aus, als würde das Kind nicht zuhören wollen.
Dabei kann es sein, dass es die Aufforderung durchaus gehört hat, aber noch nicht dort angekommen ist, wo die Handlung beginnen kann.
Ein kleiner Perspektivwechsel
Das bedeutet nicht, dass Eltern jede Aufforderung zehnmal wiederholen müssen. Und es bedeutet auch nicht, dass Kinder keine Regeln oder Grenzen brauchen. Es gibt Situationen in denen es hilfreich ist zu fragen: „Kann mein Kind gerade das tun, was ich von ihm erwarte?“
Auch, wenn wir dazu neigen zu fragen: „Warum macht es das einfach nicht?“
Das kann einen Unterschied machen. Sie können zum Beispiel versuchen, zunächst den Kontakt herzustellen, bevor Sie eine Aufforderung geben. Den Namen Ihres Kindes sagen. Kurz warten, bis es Sie anschaut oder seine Aufmerksamkeit zu Ihnen richtet. Eine klare, überschaubare Aufforderung geben. Und manchmal kann es helfen, eine komplexere Aufgabe in kleinere Schritte aufzuteilen. Einfach um ihm damit zu ermöglichen, die einzelnen Verarbeitungsschritte besser zu bewältigen.
Was ich in meiner Arbeit beobachte
In meiner Arbeit interessiert mich deshalb nicht nur, ob ein Kind eine Aufforderung ausführt. Ich möchte verstehen, was zwischen dem gesprochenen Wort und der sichtbaren Handlung passiert. Wie nimmt das Kind Informationen auf? Wie verarbeitet es Reize? Wie gut kann es seine Aufmerksamkeit ausrichten? Wie sicher ist die Verbindung zwischen Wahrnehmung, Planung und Bewegung? Denn Verhalten ist das, was wir von außen sehen. Die Prozesse, die dahinter liegen, sind viel weniger offensichtlich.
Und genau deshalb lohnt es sich, manchmal einen Schritt zurückzugehen und genauer hinzuschauen. Es kann sein, dass Ihr Kind tatsächlich nicht gut zuhört. Oder aber, braucht es auch etwas ganz anderes, damit aus dem „Ich habe es gesagt“ ein „Mein Kind kann es umsetzen“ werden kann.
Entwicklung ist kein Wettrennen.
Und manchmal beginnt Veränderung mit einer ganz einfachen Frage:
Was braucht mein Kind gerade, damit es das, was ich von ihm erwarte, überhaupt umsetzen kann?