Wenn der Alltag zum Dauerlauf wird – was unsere Kinder und wir brauchen, um wieder zur Ruhe zu kommen

In meinem Alltag begegnen mir gerade viele verschiedene Welten. Neben meiner Praxis begleite ich einen Schüler in einer zweiten Klasse mit inklusivem Unterricht an der Grundschule Kielortallee. Diese Aufgabe macht mir große Freude. Ich erlebe mit den Kindern viele schöne Momente, begleite sie beim Lernen und bekomme dabei auch einen sehr unmittelbaren Einblick in die Herausforderungen, vor denen Kinder heute stehen.

Was mir dabei immer wieder auffällt, ist, wie schwer es manchen Kindern fällt, über längere Zeit zur Ruhe zu kommen. Schon nach wenigen Minuten im Morgenkreis rutschen sie auf den Bänken hin und her, liegen plötzlich halb auf dem Boden oder strecken ihre Beine in die Luft. Manche halten kleine Fidget-Spielzeuge in den Händen, die ihnen helfen sollen, sich zu beruhigen oder ihre Aufmerksamkeit besser zu halten. Andere kauen auf ihrer Kleidung, suchen immer wieder die Nähe einer erwachsenen Person oder sind so schnell überfordert, dass ihnen die Tränen kommen.

Natürlich ist jedes Kind anders, und hinter solchen Beobachtungen können ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Ursachen stecken. Trotzdem frage ich mich manchmal, was diese vielen kleinen Signale über unseren Alltag erzählen. Wir überlegen uns immer neue Möglichkeiten, wie Kinder sich besser konzentrieren, länger stillsitzen und mit den Anforderungen ihrer Umgebung zurechtkommen können. Gleichzeitig scheint es uns immer schwerer zu fallen, ihnen und uns selbst genügend Raum für Bewegung, Pausen und echte Erholung zu lassen.

Dabei geht es mir nicht darum, Hilfsmittel oder Unterstützung infrage zu stellen. Wenn ein kleines Fidget einem Kind hilft, ist das wunderbar. Ich frage mich nur, ob wir manchmal so sehr damit beschäftigt sind, die Anforderungen des Alltags irgendwie zu bewältigen, dass wir darüber vergessen, auch auf die Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu schauen.

Auch wir Eltern müssen unseren Rhythmus erst wiederfinden

Ich bin selbst Mutter und kenne diese Gedanken nicht nur aus meiner Arbeit. Auch ich habe meiner Tochter über Jahre hinweg ein recht volles Programm ermöglicht: mehrere Hobbys in der Woche, Verabredungen und nach dem Kindergarten oder der Schule häufig noch etwas, worauf sie sich freuen konnte. Ich wollte ihr Möglichkeiten eröffnen, sie fördern und ihr schöne Erlebnisse ermöglichen.

Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule hat sich einiges verändert. Die Schultage sind länger, die Anforderungen größer und der Kopf ist nachmittags oft schon gut gefüllt. Deshalb haben wir zwei Hobbys gestrichen und lassen unsere Tochter stärker selbst entscheiden, wann sie sich verabreden möchte. Gleichzeitig versuchen wir, genügend Abstand zwischen einzelnen Aktivitäten zu lassen.

Denn wie soll ein Kind eigentlich lernen, seine eigenen Grenzen wahrzunehmen, wenn der Kalender schon weitgehend vorgibt, was als Nächstes passiert? Gerade wenn es gewohnt ist, dass immer etwas los ist, braucht es vielleicht erst einmal unsere Unterstützung, um überhaupt herauszufinden, wann es genug hat und wann es Zeit für eine Pause ist.

Damit meine ich nicht, dass Kinder möglichst wenig erleben sollten. Gemeinsame Unternehmungen, Sport, Freundschaften und Hobbys sind wertvoll. Es geht vielmehr um die Frage, wie viel davon zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich guttut und ob zwischen all den schönen Dingen noch genügend Platz bleibt, um einfach einmal nichts zu müssen.

Und wenn ich ehrlich bin, fällt mir das bei mir selbst ebenfalls nicht immer leicht. Auch ich muss mich im Alltag daran erinnern, innezuhalten und mich zu fragen: Was tut mir gerade gut? Was brauche ich, um mich wohlzufühlen? Wo wäre es sinnvoll, etwas wegzulassen, statt noch eine weitere Aufgabe unterzubringen?

Was wir unseren Kindern vorleben

Nach einem Urlaub kenne ich dieses Gefühl besonders gut. Wenn ich nach einigen Tagen wirklich heruntergefahren bin, nehme ich mir regelmäßig vor, ein wenig von dieser Entspannung mit nach Hause zu nehmen. In den ersten ein oder zwei Wochen gelingt mir das häufig sogar recht gut. Doch dann schleicht sich der Alltag wieder ein.

Die To-do-Liste wird länger, hier muss noch etwas erledigt werden, dort wartet schon die nächste Aufgabe. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich vor allem darauf hoffe, dass bald wieder eine Pause kommt, anstatt meinen Alltag so zu gestalten, dass er sich zwischendurch ebenfalls gut anfühlt.

Bis mein Rücken schmerzt oder mich eine Erkältung ausbremst und ich wieder daran erinnert werde, dass ich eigentlich achtsamer mit mir umgehen wollte.

Auch meine Zeit in den sozialen Medien möchte ich bewusster gestalten. Obwohl ich privat ohnehin kein großer Fan davon bin, gehören Instagram, Facebook und andere digitale Kanäle inzwischen auch zu meiner beruflichen Arbeit. Schnell entsteht dabei das Gefühl, regelmäßig etwas veröffentlichen zu müssen, sichtbar zu bleiben und den nächsten Beitrag vorzubereiten.

Ich habe für mich entschieden, diesen Rhythmus zu verändern. Ich möchte nicht mehr so streng daran festhalten, mehrmals in der Woche etwas zu veröffentlichen, nur weil es mein Redaktionsplan vorsieht. Ich möchte schreiben, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe, wenn mich ein Thema beschäftigt oder ich eine Beobachtung mit anderen teilen möchte.

Das fühlt sich für mich ehrlicher an. Und es passt besser zu dem, was ich auch meinen Patientinnen und Patienten vermitteln möchte: Wir müssen nicht immer noch mehr leisten. Manchmal dürfen wir innehalten und schauen, was wir tatsächlich brauchen.

Entwicklung braucht Zeit – und manchmal auch unsere Geduld

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie schwierig es für Familien sein kann, zusätzliche Übungen in ihren Alltag einzubauen. Dabei müssen es nicht unbedingt lange Einheiten sein. Manchmal reichen bereits fünf bis zehn Minuten, um gemeinsam etwas auszuprobieren und bestimmte Bewegungsabläufe regelmäßig zu wiederholen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Geduld das erfordern kann. Auch mit meiner Tochter habe ich über Jahre hinweg Übungen gemacht, weil ich davon überzeugt war und beobachtet habe, dass sie ihr guttaten. Trotzdem weiß ich, dass es im Familienalltag nicht immer leicht ist, etwas regelmäßig umzusetzen.

Manche Familien verlieren unterwegs die Geduld, weil sie sich schneller Veränderungen erhofft hatten. Andere entscheiden sich gegen den Beginn einer Therapie, weil sie schon vorher wissen, dass ihnen im Moment die Zeit oder die Kraft für die regelmäßige Mitarbeit fehlt. Das finde ich manchmal schade, denn ich sehe, welche Möglichkeiten eine gezielte Entwicklungsförderung bieten kann. Gleichzeitig kann ich nachvollziehen, dass Eltern irgendwann an einem Punkt sind, an dem sie kaum noch etwas zusätzlich unterbringen können.

Das menschliche Nervensystem entwickelt sich über viele Jahre. Wenn wir bestimmte Voraussetzungen für Bewegung, Körperwahrnehmung oder Selbstregulation unterstützen möchten, braucht das Zeit und Wiederholung. Es geht nicht darum, einem Kind noch eine weitere Aufgabe aufzubürden, sondern darum, ihm passende Erfahrungen zu ermöglichen und damit eine Grundlage zu stärken, die ihm im Alltag helfen kann.

Und genau deshalb wünsche ich mir, dass wir auch bei uns Erwachsenen wieder mehr Geduld entwickeln. Wir erwarten von Kindern, dass sie sich konzentrieren, ihre Gefühle regulieren, mit Enttäuschungen umgehen und sich auf immer neue Anforderungen einstellen. Gleichzeitig sind ihre Tage oft so voll, dass kaum Gelegenheit bleibt, die vielen Eindrücke in Ruhe zu verarbeiten.

Medikamente, Entwicklungsförderung und die Suche nach dem passenden Weg

Wenn Kinder große Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle oder innerer Unruhe haben, suchen Eltern verständlicherweise nach Unterstützung. Für manche Familien gehören dazu Medikamente, für andere therapeutische oder pädagogische Angebote, Veränderungen im Alltag oder eine Kombination verschiedener Möglichkeiten.

Mir ist wichtig, dass wir diese Entscheidungen nicht gegeneinander ausspielen. Medikamente können für manche Kinder eine wichtige Hilfe sein und ihnen den Alltag erheblich erleichtern. Gleichzeitig können sie nicht jede Entwicklungsfrage beantworten. Je nach Situation kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu schauen, welche körperlichen, emotionalen und neurophysiologischen Voraussetzungen ein Kind stärken könnten.

In meiner Arbeit möchte ich Familien dabei unterstützen, diesen Blick zu erweitern. Ich frage nicht nur danach, welche Schwierigkeiten im Alltag sichtbar werden, sondern auch danach, was ein Kind braucht, um sich sicherer zu bewegen, seine Körpersignale besser wahrzunehmen und mit den Anforderungen seiner Umgebung leichter umzugehen.

Dabei gibt es keinen Weg, der für alle Kinder gleichermaßen passt. Umso wichtiger finde ich es, gemeinsam hinzuschauen und Lösungen zu finden, die zur jeweiligen Familie und ihrer Lebenssituation passen.

Meine persönliche Zukunftsvision

Tief in mir wünsche ich mir, dass wir als Gesellschaft wieder etwas mehr zu uns selbst zurückfinden. Dass wir lernen, unsere eigenen Grenzen wahrzunehmen, einen gesunden Rhythmus zu entwickeln und nicht jede freie Minute mit einem neuen Angebot zu füllen.

Ich wünsche mir, dass Kinder genügend Zeit haben, sich zu bewegen, zu spielen, sich zu langweilen, eigene Ideen zu entwickeln und auch einmal einfach nur dazusitzen, ohne dass sofort etwas passieren muss. Und ich wünsche mir, dass wir Erwachsenen uns dieselbe Erlaubnis geben.

Denn wenn wir nicht ständig versuchen, unseren Alltag irgendwie durchzustehen, sondern zwischendurch wirklich bei uns ankommen, entsteht vielleicht wieder mehr Raum füreinander. Mehr Geduld, mehr Gelassenheit und mehr Freude an den kleinen Dingen, die im täglichen Funktionieren so leicht untergehen.

Das bedeutet nicht, dass wir unser Leben vollkommen entschleunigen oder alle Anforderungen loswerden müssen. Auch ich werde weiterhin Termine haben, arbeiten, meine Familie begleiten und mich mit den ganz normalen Herausforderungen des Alltags auseinandersetzen. Aber ich möchte bewusster entscheiden, was wirklich wichtig ist und wo ich mir selbst unnötigen Druck mache.

Vielleicht beginnt genau dort etwas, das auch unseren Kindern zugutekommt: wenn wir nicht nur versuchen, sie besser durch ihren Alltag zu bringen, sondern gemeinsam herausfinden, wie sich dieser Alltag für alle ein wenig stimmiger gestalten lässt.

Und vielleicht muss ich dafür auch nicht jeden Mittwoch einen Blogartikel veröffentlichen.

Manchmal darf ein Gedanke erst einmal reifen. Manchmal braucht es eine Pause. Und manchmal entsteht ein Text genau dann, wenn ich spüre, dass ich etwas teilen möchte, das mir wirklich am Herzen liegt.

Das ist der Rhythmus, den ich für mich wiederfinden möchte. Und ich freue mich, wenn Sie mich auf diesem Weg begleiten.

Herzliche Grüße

Ihre Nina Cole

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